Orangener Sessel

Ludwigsburger Poesiealbum – Geschichten und Gedichte analog und digital entdecken

Schaufensterausstellung im Innenhof des MIK und im Internet

17.5.–12.11.2021

Was macht ein Ding einzigartig? Warum findet ein Objekt Aufnahme im Museum? Welchen Zeugniswert hat ein Gegenstand? Für jeden Buchstaben des Alphabets wird im Museumsschaufenster im Innenhof des MIK jeweils eine Woche lang ein ausgewähltes Sammlungsobjekt gezeigt. Es offenbart von „Apfelbaum“ bis „Zeugin“ eindrucksvolle Geschichten, die die Vielfalt stadtgeschichtlichen Sammelns illustrieren.

Jedes Exponat wird von einem Gedicht begleitet, das die Geschichte ergänzt oder kontrastiert. Vor Ort kann der Dialog zwischen Lyrik und Exponat in einem „Poesiealbum“ nachvollzogen werden. Dabei kommen nicht nur „alte Bekannte“ wie Schubart, Schiller, Mörike, Tucholsky oder Ringelnatz zu Wort, sondern auch fünf zeitgenössischer Dichterinnen und Dichter, die ihre Arbeiten eigens für die gezeigten Exponate angefertigt haben.

Das „Poesiealbum“ wurde 2016 anlässlich der preisgekrönten Ausstellung „Poesie der Dinge“ von Studierenden des Studiengangs International Master of Interior-Architectural Design (IMIAD) der Hochschule für Technik Stuttgart unter der Leitung von Professor Wolfgang Grillitsch und Cornelia Wehle gestaltet.

Die Schaufensterausstellung „Ludwigsburger Poesiealbum“ lässt sich unabhängig von einer Öffnung oder Schließung des Ludwigsburg Museums von Woche zu Woche sowohl analog im Innenhof des MIK als auch digital im Internet entdecken. Über Facebook oder Instagram informieren wir Sie wöchentlich über das aktuelle Ausstellungsobjekt. Das Museumsfenster im MIK-Innenhof kann nach den jeweils gültigen Regeln der Corona-Verordnung dienstags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 15 Uhr besucht werden. Ab der Wiedereröffnung des Museums am 8. Juni ist der Museumshof dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr zugänglich. 

Apfelkerne

Apfelbaum

17.05.–21.05.

Pflichtbewusst versah Schillers Vater, Johann Caspar (1723–1796), jahrzehntelang seinen ungeliebten Dienst beim württembergischen Militär. Viel lieber hätte er sich dem Gartenbau gewidmet. Deshalb zog er in seiner Freizeit hinter dem Ludwigsburger Wohnhaus Setzlinge aus Apfelkernen, pflegte und veredelte sie. Was er dabei lernte, fasste er 1767 in seinem Buch über die Förderung des bürgerlichen Wohlstandes durch Landwirtschaft zusammen. So wurde sein Dienstherr Herzog Carl Eugen auf seine heimliche Neigung aufmerksam. Dieser befreite ihn aus dem Militärdienst und ernannte ihn 1775 zum Leiter der herzoglichen Hofgärtnerei auf Schloss Solitude. Zum Einstand brachte Schiller aus Ludwigsburg 4.000 Apfel- und Birnbäume mit. Noch Jahre später verwahrte der Sohn Friedrich immer einige faulende Äpfel in seiner Schreibtischschublade, weil der modrige Geruch seiner Inspiration auf die Sprünge half. Ob dieses Bedürfnis auf eine kindliche Prägung zurückging, darüber lässt sich nur spekulieren.

Friedrich Schiller (1759– 1805)

Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung!

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben,
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren;
Im Herzen kündet es laut sich an,
Zu was Besserm sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Aus: Friedrich Schiller, Werke und Briefe, Bd. 1, Gedichte, hg. v. Georg Kurscheidt, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992

Runde Orientierungstafel aus Metall

B 27

24.–28.5.

Orientierungstafel vom Aussichtsturm am Salonwald, 1910

Um den Ludwigsburger Tourismus in Gang zu bringen, wurde 1902 am Salonwald in Verlängerung der Stuttgarter Straße ein Aussichtsturm errichtet. Von hier aus konnten die Besucher weit ins Land sehen. Ein halbes Jahrhundert später fand sich eine modernere Lösung für die Förderung des Fremdenverkehrs. Als „Künderin der neuen Zeit und des Fortschrittes“ wurde die Bundesstraße 27 mitten durch Ludwigsburg geführt. Sie sollte den Wirtschaftsstandort stärken und Besucher in die Stadt bringen. Da der Salonturm an der Einmündung der neuen Fernstraße in die nun mehrspurig ausgebaute Stuttgarter Straße stand, musste der Turm weichen. Bei der Eröffnung der B 27 formulierte der Kornwestheimer Oberbürgermeister: „Möge der Verkehr nach Ludwigsburg hineinbranden! Wir freuen uns, daß wir ihn los sind.“ Sein Wunsch hat sich mehr als erfüllt.

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Reiselied

So ruhig geh' ich meinen Pfad,
So still ist mir zu Mut;
Es dünkt mir jeder Weg gerad'
Und jedes Wetter gut.

Wohin mein Weg mich führen mag,
Der Himmel ist mein Dach,
Die Sonne kommt mit jedem Tag,
Die Sterne halten Wach’.

Und komm' ich spät und komm' ich früh
Ans Ziel, das mir gestellt:
Verlieren kann ich mich doch nie,
O Gott, aus Deiner Welt!

Aus: Joseph von Eichendorff, Gedichte aus dem Nachlasse, hg. v. Heinrich Meisner, Leipzig: C. F. Amelangs Verlag 1888

Isolierbox mit Henkelmännern

Catering

31.5.–4.6.

Isolierbox mit Henkelmännern, AWO Ludwigsburg, 1960er Jahre

Als Geschäftsführerin der Ludwigsburger Arbeiterwohlfahrtsorganisation AWO kümmerte sich Elfriede Breitenbach (1922–2001) schnell und unbürokratisch um die Anliegen hilfesuchender Bürger. Gleichzeitig dachte sie darüber nach, wie sich die soziale Fürsorge insgesamt verbessern ließ. Bei einem Besuch der Ludwigsburger Partnerstadt Caerphilly machte Breitenbach deshalb einen Abstecher nach London, um dort entsprechende Einrichtungen anzusehen. Von ihrem Ausflug brachte sie den Menübringdienst „Meals on wheels“ mit, der 1967 unter der Bezeichnung „Essen auf Rädern“ in Ludwigsburg eingeführt wurde. Dank der Henkelmänner aus der Isolierbox hatten Menschen, die sich nicht selbst verköstigen konnten, die Möglichkeit, in ihren eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben.

Schnürkorsett, um 1900, Strumpfhalter später angenäht

Dessous

7.6.–13.6.

Schnürkorsett, um 1900, Strumpfhalter später angenäht

Bis ins frühe 20. Jahrhundert war das Korsett fester Bestandteil der Damenmode. Die Schnürbrust formte den Körper und gab ihm eine dem jeweiligen Schönheitsideal entsprechende Silhouette. Zwar wurde bereits im 18. Jahrhundert vor der schädigenden Wirkung des Wäschestücks gewarnt, aber erst als nach 1900 die Kritik der Frauenbewegung und der Lebensreformer lauter wurde, kam die Mode auch ohne das Korsett aus.
 

Joachim Ringelnatz (1883– 1934)

Marter in Bielefeld

Es war in Bielefeld so bitter kalt.
Ich sah ein Weib, das nichts als eine knappe
Hemdhose trug. Daß ich erschauerte
Und ihren kalten Zustand heiß bedauerte.
Denn sie war nur Attrappe – Fleisch aus Pappe.
 

Ich wäre gar zu gern zu zweit gewesen.
Nun stand ich vor der reizenden Gestalt,
Mußte herabgesetzte Preise lesen,
Und ach, die Ladenscheibe war so kalt.

Der Frost entlockte meiner Nase Tränen.
Die Dame schwieg. Die Sonne hat gelacht.
In mir war qualvoll irgendwas entfacht.
Es kann kein Mann vor Damenwäsche gähnen.

Aus: Joachim Ringelnatz, Gedichte dreier Jahre, Berlin: Rowohlt Verlag 1932

Bacchantenpaar aus Biskuitporzellan

Erotik

14.6.–20.6.

Johann Christian Wilhelm Beyer (1725–1796), Ludwigsburger Porzellan, Bacchantenpaar, Ausformung in Biskuitporzellan, Modell um 1765, Ausformung um 1780

An den Fürstenhöfen der Barockzeit war das Zusammentreffen der Geschlechter geprägt von der Zweideutigkeit galanter Umgangsformen. Einerseits galt das Gebot eines aristokratisch verfeinerten Anstands, andererseits stellten die Damen und Herren ihre Sinnlichkeit kokett zur Schau. Aus diesem reizvollen Spannungsverhältnis wuchs in der Kunst des Rokokos ein ausgeprägtes Interesse an erotischen Darstellungen. Frivole ländliche Szenen und mythologische Gestalten wurden zu Projektionsflächen sittlicher Freizügigkeit. Besonders geeignete Motive waren Bacchanten, die berauschten Begleiter des griechischen Weingottes Dionysos. Sie boten den Betrachtern Bilder hemmungsloser Schaulust.