Orangener Sessel

Ludwigsburger Poesiealbum – Geschichten und Gedichte analog und digital entdecken

Schaufensterausstellung im Innenhof des MIK und im Internet

17.5.–12.11.2021

Was macht ein Ding einzigartig? Warum findet ein Objekt Aufnahme im Museum? Welchen Zeugniswert hat ein Gegenstand? Für jeden Buchstaben des Alphabets wird im Museumsschaufenster im Innenhof des MIK jeweils eine Woche lang ein ausgewähltes Sammlungsobjekt gezeigt. Es offenbart von „Apfelbaum“ bis „Zeugin“ eindrucksvolle Geschichten, die die Vielfalt stadtgeschichtlichen Sammelns illustrieren.

Jedes Exponat wird von einem Gedicht begleitet, das die Geschichte ergänzt oder kontrastiert. Vor Ort kann der Dialog zwischen Lyrik und Exponat in einem „Poesiealbum“ nachvollzogen werden. Dabei kommen nicht nur „alte Bekannte“ wie Schubart, Schiller, Mörike, Tucholsky oder Ringelnatz zu Wort, sondern auch fünf zeitgenössischer Dichterinnen und Dichter, die ihre Arbeiten eigens für die gezeigten Exponate angefertigt haben.

Das „Poesiealbum“ wurde 2016 anlässlich der preisgekrönten Ausstellung „Poesie der Dinge“ von Studierenden des Studiengangs International Master of Interior-Architectural Design (IMIAD) der Hochschule für Technik Stuttgart unter der Leitung von Professor Wolfgang Grillitsch und Cornelia Wehle gestaltet.

Die Schaufensterausstellung „Ludwigsburger Poesiealbum“ lässt sich unabhängig von einer Öffnung oder Schließung des Ludwigsburg Museums von Woche zu Woche sowohl analog im Innenhof des MIK als auch digital im Internet entdecken. Über Facebook oder Instagram informieren wir Sie wöchentlich über das aktuelle Ausstellungsobjekt. Das Museumsfenster im MIK-Innenhof kann nach den jeweils gültigen Regeln der Corona-Verordnung dienstags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 15 Uhr besucht werden. Ab der Wiedereröffnung des Museums am 8. Juni ist der Museumshof dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr zugänglich. 

Apfelkerne

Apfelbaum

17.05.–21.05.

Pflichtbewusst versah Schillers Vater, Johann Caspar (1723–1796), jahrzehntelang seinen ungeliebten Dienst beim württembergischen Militär. Viel lieber hätte er sich dem Gartenbau gewidmet. Deshalb zog er in seiner Freizeit hinter dem Ludwigsburger Wohnhaus Setzlinge aus Apfelkernen, pflegte und veredelte sie. Was er dabei lernte, fasste er 1767 in seinem Buch über die Förderung des bürgerlichen Wohlstandes durch Landwirtschaft zusammen. So wurde sein Dienstherr Herzog Carl Eugen auf seine heimliche Neigung aufmerksam. Dieser befreite ihn aus dem Militärdienst und ernannte ihn 1775 zum Leiter der herzoglichen Hofgärtnerei auf Schloss Solitude. Zum Einstand brachte Schiller aus Ludwigsburg 4.000 Apfel- und Birnbäume mit. Noch Jahre später verwahrte der Sohn Friedrich immer einige faulende Äpfel in seiner Schreibtischschublade, weil der modrige Geruch seiner Inspiration auf die Sprünge half. Ob dieses Bedürfnis auf eine kindliche Prägung zurückging, darüber lässt sich nur spekulieren.

Friedrich Schiller (1759– 1805)

Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung!

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben,
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren;
Im Herzen kündet es laut sich an,
Zu was Besserm sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Aus: Friedrich Schiller, Werke und Briefe, Bd. 1, Gedichte, hg. v. Georg Kurscheidt, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992

Runde Orientierungstafel aus Metall

B 27

24.–28.5.

Orientierungstafel vom Aussichtsturm am Salonwald, 1910

Um den Ludwigsburger Tourismus in Gang zu bringen, wurde 1902 am Salonwald in Verlängerung der Stuttgarter Straße ein Aussichtsturm errichtet. Von hier aus konnten die Besucher weit ins Land sehen. Ein halbes Jahrhundert später fand sich eine modernere Lösung für die Förderung des Fremdenverkehrs. Als „Künderin der neuen Zeit und des Fortschrittes“ wurde die Bundesstraße 27 mitten durch Ludwigsburg geführt. Sie sollte den Wirtschaftsstandort stärken und Besucher in die Stadt bringen. Da der Salonturm an der Einmündung der neuen Fernstraße in die nun mehrspurig ausgebaute Stuttgarter Straße stand, musste der Turm weichen. Bei der Eröffnung der B 27 formulierte der Kornwestheimer Oberbürgermeister: „Möge der Verkehr nach Ludwigsburg hineinbranden! Wir freuen uns, daß wir ihn los sind.“ Sein Wunsch hat sich mehr als erfüllt.

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Reiselied

So ruhig geh' ich meinen Pfad,
So still ist mir zu Mut;
Es dünkt mir jeder Weg gerad'
Und jedes Wetter gut.

Wohin mein Weg mich führen mag,
Der Himmel ist mein Dach,
Die Sonne kommt mit jedem Tag,
Die Sterne halten Wach’.

Und komm' ich spät und komm' ich früh
Ans Ziel, das mir gestellt:
Verlieren kann ich mich doch nie,
O Gott, aus Deiner Welt!

Aus: Joseph von Eichendorff, Gedichte aus dem Nachlasse, hg. v. Heinrich Meisner, Leipzig: C. F. Amelangs Verlag 1888

Isolierbox mit Henkelmännern

Catering

31.5.–4.6.

Isolierbox mit Henkelmännern, AWO Ludwigsburg, 1960er Jahre

Als Geschäftsführerin der Ludwigsburger Arbeiterwohlfahrtsorganisation AWO kümmerte sich Elfriede Breitenbach (1922–2001) schnell und unbürokratisch um die Anliegen hilfesuchender Bürger. Gleichzeitig dachte sie darüber nach, wie sich die soziale Fürsorge insgesamt verbessern ließ. Bei einem Besuch der Ludwigsburger Partnerstadt Caerphilly machte Breitenbach deshalb einen Abstecher nach London, um dort entsprechende Einrichtungen anzusehen. Von ihrem Ausflug brachte sie den Menübringdienst „Meals on wheels“ mit, der 1967 unter der Bezeichnung „Essen auf Rädern“ in Ludwigsburg eingeführt wurde. Dank der Henkelmänner aus der Isolierbox hatten Menschen, die sich nicht selbst verköstigen konnten, die Möglichkeit, in ihren eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben.

Schnürkorsett, um 1900, Strumpfhalter später angenäht

Dessous

7.6.–13.6.

Schnürkorsett, um 1900, Strumpfhalter später angenäht

Bis ins frühe 20. Jahrhundert war das Korsett fester Bestandteil der Damenmode. Die Schnürbrust formte den Körper und gab ihm eine dem jeweiligen Schönheitsideal entsprechende Silhouette. Zwar wurde bereits im 18. Jahrhundert vor der schädigenden Wirkung des Wäschestücks gewarnt, aber erst als nach 1900 die Kritik der Frauenbewegung und der Lebensreformer lauter wurde, kam die Mode auch ohne das Korsett aus.
 

Joachim Ringelnatz (1883– 1934)

Marter in Bielefeld

Es war in Bielefeld so bitter kalt.
Ich sah ein Weib, das nichts als eine knappe
Hemdhose trug. Daß ich erschauerte
Und ihren kalten Zustand heiß bedauerte.
Denn sie war nur Attrappe – Fleisch aus Pappe.
 

Ich wäre gar zu gern zu zweit gewesen.
Nun stand ich vor der reizenden Gestalt,
Mußte herabgesetzte Preise lesen,
Und ach, die Ladenscheibe war so kalt.

Der Frost entlockte meiner Nase Tränen.
Die Dame schwieg. Die Sonne hat gelacht.
In mir war qualvoll irgendwas entfacht.
Es kann kein Mann vor Damenwäsche gähnen.

Aus: Joachim Ringelnatz, Gedichte dreier Jahre, Berlin: Rowohlt Verlag 1932

Bacchantenpaar aus Biskuitporzellan

Erotik

14.6.–20.6.

Johann Christian Wilhelm Beyer (1725–1796), Ludwigsburger Porzellan, Bacchantenpaar, Ausformung in Biskuitporzellan, Modell um 1765, Ausformung um 1780

An den Fürstenhöfen der Barockzeit war das Zusammentreffen der Geschlechter geprägt von der Zweideutigkeit galanter Umgangsformen. Einerseits galt das Gebot eines aristokratisch verfeinerten Anstands, andererseits stellten die Damen und Herren ihre Sinnlichkeit kokett zur Schau. Aus diesem reizvollen Spannungsverhältnis wuchs in der Kunst des Rokokos ein ausgeprägtes Interesse an erotischen Darstellungen. Frivole ländliche Szenen und mythologische Gestalten wurden zu Projektionsflächen sittlicher Freizügigkeit. Besonders geeignete Motive waren Bacchanten, die berauschten Begleiter des griechischen Weingottes Dionysos. Sie boten den Betrachtern Bilder hemmungsloser Schaulust. 
 

Historisches Exemplar des Brockhaus Lexikons

Feuer

21.6.–27.6.

Brockhausband aus dem Besitz von Dr. Walter und Helene Pintus, 1903

Der Arzt Dr. Walter Pintus (1880–1938) genoss in Ludwigsburg hohes Ansehen. Er behandelte arme Menschen ohne Honorar und half, wo er konnte. Ab 1938 durfte er als Jude nicht mehr praktizieren. Noch im selben Jahr wurde er verhaftet und ins KZ Dachau deportiert, wo er kurz nach seiner Ankunft starb. Seine Frau Helene Pintus (1883–1979) bereitete daraufhin ihre Flucht vor, räumte Möbel und Bücher in den Hinterhof und verbrannte alles, was sie nicht mitnehmen konnte. Mathilde Kleiner, die Frau des ehemaligen Fahrers von Dr. Pintus, kam hinzu und rettete den Einzelband „P“ einer Brockhaus Enzyklopädie vor den Flammen. Jahrelang haben die Kleiners mit dem Lexikonband die Erinnerung an die Familie Pintus bewahrt und den Band schließlich in die Sammlung des Ludwigsburg Museums gegeben. Es ist das einzige Buch, das sich aus der umfangreichen Bibliothek von Walter Pintus erhalten hat.

Gertrud Kolmar (1894 Berlin–1943 Auschwitz)

Trauerspiel

Der Tiger schreitet seine Tagesreise
Viel Meilen fort.
Zuweilen gegen Abend nimmt er Speise
Am fremden Ort.
 

Die Eisenstäbe, alles, was dahinter
Vergeht und säumt,
Ist Schrei und Stich und frostig fahler Winter
Und nur geträumt.

Er gleitet heim: und musste längst verlernen,
Wie Heimat sprach.
Der Käfig stutzt und wittert sein Entfernen
Und hetzt ihm nach.

Er flackert heller aus dem blinden Schmerze,
Den er nicht nennt,
Nur eine goldne russgestreifte Kerze,
Die glitzernd sich zu Tode brennt.

Aus: Gertrud Kolmar, Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996

Meerschaumpfeife

Geschenk

28.6.–4.7.

Meerschaumpfeife, Geburtstagsgeschenk Justinus Kerners an seinen Brieffreund Prinz Adalbert von Bayern,1858

Als der Dichter und Arzt Justinus Kerner (1786–1862) den 22-jährigen Prinz Adalbert von Bayern (1828–1875) kennenlernte, sah sich dieser vor wichtige Entscheidungen gestellt. Adalberts Bruder, der den griechischen Königsthron bestiegen hatte, war kinderlos geblieben. Adalbert sollte deshalb die Thronfolge übernehmen, zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten und eine geeignete Frau heiraten. Der psychisch labile Prinz suchte bei Kerner Hilfe und Rat. Er hoffte durch den Autor des Buches „Die Seherin von Prevorst“ Kontakt zu magisch begabten Menschen zu finden, die ihm seine Zukunft voraussagen sollten. Kerner konnte dem unsicheren Prinzen zwar keine befriedigenden Antworten liefern, blieb ihm in jahrelanger Korrespondenz aber ein „theurer väterlicher Freund“. Der Prinz blieb in München, behielt seine Konfession und heiratete eine erzkatholische spanische Infantin.

Lautsprecher aus den 1930er Jahren, von hinten fotografiert

Hitler

5.7.–11.7.

Lautsprecher mit dem der Überlieferung nach eine Rede Adolf Hitlers in das Ludwigsburger Stadion übertragen wurde, um 1930

Das gesprochene Wort spielte für die Durchsetzung der nationalsozialistischen Herrschaft eine wichtige Rolle. Adolf Hitler (1889–1945) verdankte seine politischen Erfolge zu guten Teilen seinem Redetalent. Mit theatralischer Geste und einer Sprechtechnik, die auf das Erreichen großer Menschenmengen ohne Lautsprecher ausgerichtet war, strahlte er Überlegenheit und Kraft aus. Auch wenn er verbrecherische Ziele formulierte und unhaltbare Versprechungen machte, begeisterte er die Massen. Die größte Hörerschaft erreichte Hitler über die privaten Volksempfänger und beim sogenannten Gemeinschaftsempfang des Rundfunks auf öffentlichen Plätzen. In Ludwigsburg wurden seine Reden beispielsweise auf der Horst-Wessel-Kampfbahn, dem heutigen Ludwig-Jahn-Stadion, übertragen. „Ohne Kraftwagen, ohne Flugzeug und ohne Lautsprecher hätten wir Deutschland nicht erobert“, formulierte Hitler 1938.

Kurt Tucholsky

Die Mäuler auf!

Heilgebrüll und völksche Heilung,
schnittig, zackig, forsch und päng!
Staffelführer, Sturmabteilung,
Blechkapellen, schnädderädäng!
Judenfresser, Straßenmeute . . .
Kleine Leute. Kleine Leute.

Arme Luder brülln sich heiser,
tausend Hände fuchteln wild.
Hitler als der selige Kaiser,
wie ein schlechtes Abziehbild.
Jedes dicken Schlagworts Beute:
Kleine Leute! Kleine Leute!

Tun sich mit dem teutschen Land dick,
grunzen wie das liebe Vieh.
Allerbilligste Romantik –
hinten zahlt die Industrie.
Hinten zahlt die Landwirtschaft.
Toben sie auch fieberhaft:
Sind doch schlechte deutsche Barden,
bunte Unternehmergarden!
Bleiben gestern, morgen, heute
kleine Leute! kleine Leute!

Aus: Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke in zehn Bänden, Bd. 8, hg. v. Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1975

Kinderbadewanne aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts

Industrie

12.7.–18.7.

Kinderbadewanne aus der Charlottenkrippe, Anfang 20. Jahrhundert

1882 wurde in Ludwigsburg die erste Kinderkrippe eröffnet. Knapp 10 Jahre später ließ Wilhelm Franck (1828–1892) in der Wilhelmstraße 35 eigens für die Krippe ein Wohnhaus errichten und finanzierte eine professionelle Betreuungskraft. Seine Stiftung war nicht ganz uneigennützig. Als Mitinhaber der Kaffeemittelfima Heinrich Franck Söhne war es für ihn von wirtschaftlicher Bedeutung, dass die Kinder seiner Arbeiterinnen während der Zwölfstundentage gut versorgt waren. Nur so standen dem Unternehmen die billigen Arbeitskräfte, die vor allem für die aufwändige Verpackung des Ersatzkaffees verantwortlich waren, dauerhaft zur Verfügung. Für ein Familienleben blieb wenig Zeit.

Christian Friedrich Daniel Schubart

Das Mutterherz

Mutterherz, o Mutterherz!
Ach! wer senkte diese Regung,
Diese flutende Bewegung,
Diese Wonne, diesen Schmerz,
Süß und schauervoll in dich?

Gott, der Herzenbilder,
Sprach zur rothen Flut
In den Adern: Milder
Fliesse still und gut!
Und da strömten Flammen
Alle himmelwärts
In der Brust zusammen –
Und es ward ein Mutterherz.

Mutterherz, o Mutterherz!
Diese liebevolle Regung,
Diese flutende Bewegung,
Diese Wonne, diesen Schmerz
Senkt ein Gott, ein Gott in dich!

Aus: Christian Friedrich Daniel Schubart, Sämtliche Gedichte, Bd. 2, Stuttgart: Herzogl. Hohe Carlsschule 1786

Korb mit Porzellan-Geschirr

Jauner

19.7.–25.7.

Kiepe mit Porzellangeschirr, 20. Jahrhundert

Über Jahre verbreitete der Räuber Hannikel (1742–1787) und seine Bande in Württemberg Angst und Schrecken. Als Porzellanhändler getarnt zog er hausierend durchs Land. Seine neunköpfige Familie war immer mit dabei. An Haustüren bot Hannikel Geschirr zum Verkauf an. Gleichzeitig kundschaftete er für die nächtlichen Überfälle die Lage aus. 1786 wurde die Bande gefasst. Hannikels zwölfjähriger Sohn Dieterle kam ins Zucht- und Waisenhaus nach Ludwigsburg. Für die nebenan gelegene Porzellanfabrik waren die Kinder des Waisenhauses willkommene Arbeitskräfte. Vielleicht malte der Räubersohn von nun an Streublumen auf feines Ludwigsburger Porzellan.

Johann Wolfgang Goethe

Catechisation

Lehrer
Bedenk‘, o Kind! woher sind diese Gaben?
Du kannst nichts von dir selber haben.

Kind
Ei! Alles hab‘ ich vom Papa.

Lehrer
Und der, woher hat's der?

Kind
Vom Großpapa.

Lehrer
Nicht doch! Woher hat's denn der Großpapa bekommen?

Kind
Der hat's genommen.

Aus: Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Gedichte, Frankfurt am Main u. Leipzig: Insel Verlag 2007

Maschine zum Formen von Springerle

Kunststück

26.7.–1.8.

Maschine zum Formen von Springerle aus der Bäckerei Kniel in der Leonberger Straße, 2. Hälfte 20. Jahrhundert

Zur Weihnachtszeit sind Springerle die Krönung des schwäbischen „Gutsletellers“. Die Anforderungen an das Bildgebäck sind allerdings hoch. Sie sollen beim Backen aufgehen und ein „Füßle“ bekommen. Die Bildseite muss weiß, die Unterseite dagegen zartgelb sein. Und wehe sie sind nach 2–3 Tagen Lagerung immer noch steinhart. Dann hilft nur der Gang zum Bäcker, bei dem man sich mit exzellentem Ersatz versorgen kann.

Hugo Ball

1 Stern und 7 kazamogipuffel
macht 13 zakopaddogei
zubtrahiere 5 franschöse Männlin
macht 1 Libanotterbett
nehme 3 Quentlin Klotzpulfer
legs in himmelsdeifelsnamen
dabei, wirst sehen wohinst
kommst wnr bällt wnr heult
wnr pfaucht wnre Daugen däht

Aus: Hugo Ball, Die nichtgesammelten Gedichte, hg. v. Franz L. Pelgen, Leipzig: Faber und Faber 1996

Ägyptische Mumienhand

Langfinger

2.8.–8.8.

Mumienhand, ägyptisch ca. 8.–4. Jahrhundert v. Chr.

Wenige Jahre nach der Gründung des Historischen Vereins 1897 schenkte Stadtrat Adolf Feyerabend der vereinseigenen Museumssammlung mehrere ägyptische Mumienteile. Der Mitinhaber der Metallwarenfabrik Kallenberg & Feyerabend hatte die Exponate auf einem ägyptischen Markt erworben und nach Ludwigsburg mitgebracht. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Orient für ein historisch interessiertes, gebildetes Publikum zu einem beliebten Reiseziel. Die Entdeckungen der Archäologen vor Augen konnte eine Mumienhand ein angemessenes Souvenir sein. Für die ägyptischen Fundstätten bedeutete dies, dass Händler Gräber und Friedhöfe plünderten, um an „Ware“ zu kommen. Die Mumienhand ist einer der ältesten Zugänge zur Sammlung des Ludwigsburg Museums und zeugt bis heute vom umfassenden Anspruch, den die Museumsgründer mit ihrem Haus verbanden.

Stillleben mit Blumen, Früchten und Meerschweinchen

Meerschweinchen

9.8.–15.8.

August Wilhelm Sievert, Blumen- und Obststillleben, Öl auf Leinwand, 1749

Der französische König Ludwig XV. (1710–1774) hielt in seiner Menagerie im Schlosspark von Versailles zahlreiche exotische Tiere. Mit Löwen, Leoparden und Elefanten demonstrierte er seine Macht und Weltläufigkeit. Die Versailler Hofkultur immer vor Augen, eiferten die deutschen Reichsfürsten ihrem französischen Vorbild nach. Auch in Ludwigsburg wurde bereits unter Herzog Eberhard Ludwig (1676–1733) nahe dem Schloss eine Menagerie errichtet. Ob hier überhaupt exotische Tiere gehalten wurden, ist fraglich. Denn in den Gebäuden waren die Metzgerei und die Bäckerei des Hofes untergebracht. Sein Nachfolger Herzog Carl Eugen (1728–1793) konnte immerhin zwei exotische Tiere vorweisen. Der Hofgärtner und Stilllebenmaler August Wilhelm Sievert (1705–1751) porträtierte auf einem seiner Bilder zwei Meerschweinchen.

Joachim Ringelnatz

Heimatlose

Ich bin fast
Gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
War, im Versteck,
Bewegte sich,
Regte sich
Plötzlich hinter einem Brett
In einem Kasten neben dem Klosett,
Ohne Beinchen,
Stumm, fremd und nett
Ein Meerschweinchen.
Sah mich bange an,
Sah mich lange an,
Sann wohl hin und sann her,
Wagte sich
Dann heran
Und fragte mich:
“Wo ist das Meer?”

Aus: Joachim Ringelnatz, Nie bist du ohne Nebendir, ausgew. v. Lothar Kusche, Ill. v. Werner Klemke Berlin: Eulenspiegel-Verlag 1976

Maultrommeln

Natur

16.8.–22.8.

Maultrommeln

Der 16-jährige Justinus Kerner (1786–1862) wohnte als Kaufmannslehrling der herzoglichen Tuchmanufaktur unmittelbar neben den Gebäuden des Ludwigsburger Tollhauses. Manchmal ging es hier laut zu. Eine Insassin modulierte nächtelang über die Silben „Ririroldidi“, ein anderer brüllte „Totenköpfe und Krautsalat“ und schlug seinen Kopf gegen die Wand. Kerner resignierte nicht. Er besuchte die Wahnsinnigen, die ihn um den Schlaf brachten, und fand heraus, dass sie sich beruhigen ließen, wenn er ihnen etwas auf seiner Maultrommel vorspielte. Nach seiner Ausbildung wanderte der junge Kaufmann nach Tübingen um Medizin zu studieren. Als Arzt hatte Kerner sein „Brummeisen“, mit dem er mehr sagen konnte als mit Worten, noch oft in Gebrauch.

Justinus Kerner

Meine Maultrommel

War die Leier mir zersprungen,
Hab‘ ich mit dem kleinen Eisen
Der Natur oft nachgesungen
Ihre schmerzlich süßen Weisen.

In die Töne, die es spielte,
Hört‘ ich oftmals übertragen,
Was ich tief im Busen fühlte
Und nicht konnt‘ in Liedern sagen.

Aus: Justinus Kerner, Ausgewählte Werke, hg. v. Gunter Grimm, Stuttgart: Philipp Reclam junior 1981

Autoreifen

Oekobilanz

23.8.–29.8.

Reifen eines „Brezelkäfers“, hergestellt in Harburg, runderneuert durch die Vulkanisierwerkstatt Striffler und Link in Ludwigsburg, 1950er/60er Jahre

Wenn ein Auto nach rund 60.000 Kilometern kein Profil mehr auf den Reifen hat, führt der Weg eines PKW-Fahrers unweigerlich zur Reifenwerkstatt. Dort heißt es dann meistens Wegwerfen und Neukaufen. In der Nachkriegszeit war das noch anders. In der örtlichen Vulkanisierwerkstatt hatten alte Reifen eine Chance auf ein zweites oder sogar drittes Leben. Hier wurde das Material von den Laufflächen entfernt und eine Rohgummimischung aufgebracht, die anschließend in einer Heizpresse unter hohem Druck und hoher Temperatur vulkanisiert und mit einem Profil versehen wurde. Für einen runderneuerten Reifen ist noch heute deutlich weniger Material und Energie notwendig als für die Herstellung eines Neureifens.

Christiane Heidrich

oh T (no lament for a former present)

Ich streife dir den Lebenslauf von den Wangen. Er soll Bezug nehmen
auf die Abfolge der Geschehnisse, sodass sie „deine“ werden.
 
Ein nachvollziehbarer, wärmender Gang, in dem das Leuchten
unbestreitbar ist. Wovon gehen dir die Brüche nur so gut ineinander?
 
In welch frohe Transparenz hast du den Abgleich entfernt? Es ist
das Überblenden deines Lebens in einen Wikipedia-Artikel,
 
wo das Funktionieren einsetzt und die Bühne in etwas Erstaunliches,
Unnahbares, einen fernen See aus Kontakten und gewollten
 
Abhängigkeiten verschwimmt. Mit den Dingen, die uns umgeben
ist es ähnlich. Wenn ich dem Sprechen eine Beschreibung beizulegen
 
versuche, staut es sich am Rande einer allgemein durchgängigen
Definition. Ich klicke von Autoreifen auf Kautschuk, lese, klicke von
 
Kautschuk auf Kautschukgewinnung, öffne in einem Tab Handel,
im anderen Kolonien. Ich traue mir nicht. Ich ziehe umher in Bilanz.

Sammelbüchse aus den 1930er Jahren

Propaganda

30.8.–5.9.

Sammelbüchsen für das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, 1930er Jahre

Zur Linderung von Armut und Not organisierte die nationalsozialistische Führung ab 1933 jeweils in den Wintermonaten Sammlungen von Sach- und Geldspenden für Bedürftige. Wer für das Winterhilfswerk gespendet hatte, erhielt ein sichtbar an der Kleidung zu tragendes Abzeichen und erhöhte so den Druck bei seinen Mitbürgern, ebenfalls ein „freiwilliges“ Opfer zu bringen. Das gewaltige Spendenaufkommen entlastete den Staat von Sozialausgaben und bezog die Bevölkerung durch die gemeinsame „gute Tat“ aktiv ein. An das dadurch erzeugte Zusammengehörigkeitsgefühl erinnerten sich auch nach 1945 noch viele Spender positiv. Damit waren die Sammelaktionen des Winterhilfswerks ein besonders wirkungsvoller Teil der nationalsozialistischen Propaganda.

Fahrrad

Querulant

6.9.–12.9.

Damenfahrrad, 1950er/60er Jahre

Fritz Teufel (1943–2010), Aktivist der Studentenbewegung und Mitbegründer der Kommune 1, ist in Ludwigsburg aufgewachsen. Hier hat er nicht nur die Schulbank gedrückt, sondern auch Radfahren gelernt. Auf dem alten Fahrrad seiner Tante erlitt er in der Asperger Straße einen Verkehrsunfall. Die Versicherung zahlte ihm sein erstes richtiges Fahrrad. Als Teufel seine Studienkarriere startete, war sein Ludwigsburger Fahrrad nicht dabei. Er hat es noch Jahre später vermisst: „Leider habe ich das Fahrrad stehen lassen, als ich 1963 nach Berlin ging.“ Zuletzt arbeitete Teufel in Berlin als Fahrradkurier und bezeichnete das Fahrradfahren als „zutiefst menschliche Art sich fortzubewegen“.

Notgeld aus den 1920er Jahren

Reichtum

13.9.–19.9.

Notgeld, 1914–1923

Das Inflationsjahr 1923 war eine der großen Bewährungsproben der jungen Weimarer Republik. Der Staat war durch den Ersten Weltkrieg hochverschuldet, die Wirtschaft lag am Boden und die Zahlungsverpflichtungen der Alliierten forderten die leere Staatskasse. Um die finanziellen Mittel aufbringen zu können, liefen die Notenpressen Tag und Nacht. Die Preise explodierten und die Not der Bevölkerung wuchs. Während der Hyperinflation kostete ein Brot 233 Milliarden Mark. Die großen Verlierer waren die Arbeitnehmer mit ihrem nur langsam steigenden Einkommen sowie alle Bürger, die durch Kriegsanleihen die Materialschlacht in den Schützengräben vorfinanziert hatten.

Preußischer Infanteriesäbel für Offiziere, Ende 19. Jahrhundert

Spiel

20.9.–26.9.

Preußischer Infanteriesäbel für Offiziere, Ende 19. Jahrhundert

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren in der ehemaligen Wilhelmskaserne Flüchtlinge aus dem Osten einquartiert. Hier fanden zwei Buben einen preußischen Offizierssäbel. Er stammt aus der Zeit nach der Reichsgründung 1871, als die württembergische Armee mit französischen Reparationsgeldern nach preußischem Vorbild neu ausgestattet wurde. Die Waffe war verrostet, das Blattgold des preußischen Adlers abgerieben und der Silberdraht an dem mit Fischhaut überzogenen Griff angelaufen. Den Jungen war das völlig egal. Sie versuchten, die Klinge zu schärfen und hieben damit nicht nur in die Luft, wie die zahllosen Scharten zeigen. Später verkauften sie den Säbel für 3 DM an das Städtische Museum.

Carl Spitzweg

Wir bleiben alle Kinder

Und wird die Welt auch noch so alt,
der Mensch, er bleibt ein Kind!
Zerschlägt sein Spielzeug mit Gewalt,
wie eben Kinder sind!

Wann alles erst ist klein zerstückt
und nichts mehr zu verderben,
so sucht er wieder – neu beglückt –
und spielt dann mit den Scherben!

Aus: Der ewige Brunnen der Heiterkeit. Gedichte, hg. v. Albert von Schirnding, München: C. H. Beck 2007